Viele Industrieunternehmen versuchen heute, nachhaltiger und weniger klimaschädlich zu arbeiten. Das rückt auch den Werkstoff Holz wieder ins Bewusstsein. Die Chemnitzer Neugründung setzt auf den natürlichen Werkstoff.

Chemnitz.Für den innerbetrieblichen Transport von Autoteilen dienen häufig noch schwere Transportwagen aus Metall. Doch das könnte sich bald ändern. Das Chemnitzer Start-up „LiGenium“ hat Transportmittel aus Holz entwickelt, die deutlich leichter und auch flexibler einsetzbar sind. „Transportgestelle in der Automobilindustrie sind in der Regel sehr schwer. Das Eigengewicht ist teilweise bis zu zehnmal höher als das Fördergut selbst“, erklärt Christoph Alt, Geschäftsführer von „LiGenium“. Das wirkt sich auf den Treibstoffverbrauch der Lkw und somit auf die Transportkosten aus. Die von dem Chemnitzer Unternehmen entwickelten Trägerkonstruktionen aus Holzwerkstoffen sind zum Teil mehr als 50 Prozent leichter. „Die Logistiker aus der Automobilindustrie sind auf uns aufmerksam geworden“, erzählt der 36-jährige Diplom-Ingenieur.

Geholfen hat dabei die Aufnahme in den „Future Mobility Incubator“ der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen Sachsen. Dort bietet der Volkswagenkonzern ausgewählten Jungunternehmern für einige Monate eine attraktive Arbeitsumgebung sowie die entsprechenden Kontakte zu Forschern, Entwicklern und Entscheidern im VW-Konzern.

Der Firmenname „LiGenium“ leitet sich aus den lateinischen Wörtern Lignum (Holz) und Ingenium (Begabung, geistreiche Erfindung) ab. Das Unternehmen wurde aus der TU Chemnitz heraus gegründet. Es entstand aus einer Forschungsgruppe, die sich seit mehreren Jahren mit dem Einsatz von Holz und Holzwerkstoffen im Maschinen- und Anlagenbau beschäftigte. Unterstützt durch das Transferprojekt Tuclab und das Gründernetzwerk Saxeed, haben sich insgesamt vier Gründer – davon drei Ingenieure und eine Betriebswirtin – selbstständig gemacht. Das Projekt wird im Rahmen des Programms Exist-Forschungstransfer durch das Bundeswirtschaftsministerium und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Für eine Produktionshalle im Chemnitzer Technologiezentrum wurde rund eine halbe Million Euro in Maschinen und Anlagen investiert. Inzwischen wurden auch zwei weitere Mitarbeiter angestellt.

„Für unseren Start war es eine gute Entscheidung, auf die Automobilindustrie zuzugehen“, sagt Alt, der vor allem mit Logistikexperten aus dem Volkswagenkonzern positive Erfahrungen gemacht hat. Mit den Transport- und Kommissionierwagen aus Holz lässt sich gegenüber den herkömmlichen Stahlblechwagen rund die Hälfte des Gewichts einsparen. So reduziert sich das Gewicht für einen typischen Kommissionierwagen der Automobilindustrie von ursprünglich 140 Kilogramm auf nur noch 70 Kilogramm.

„Holz ist gegenüber Blech stabiler und leichter und es gibt keine Probleme mit Korrosion“, zählt Alt die Vorteile auf. Zudem hat „LiGenium“ ein modulares, steckbares System entwickelt, mit dem sich die Transportwagen unkompliziert für andere Anwendungen umrüsten lassen. Als Argument immer wichtiger wird auch die Tatsache, dass Holz eine positive Kohlendioxid-Bilanz vorweisen kann. Das Holz kommt zum großen Teil aus Osteuropa und Schweden. Verbaut wird vor allem Birken- und Buchenholz.

Für die Zukunft erwartet Alt weitere Vorteile von Holz wegen seiner elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV). „Das Thema wird immer wichtiger, wenn sich in den Fabriken die Arbeit mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G durchsetzt“, zeigt sich der „LiGenium“-Geschäftsführer überzeugt. EMV bezeichnet die Fähigkeit eines technischen Geräts, andere Geräte nicht durch ungewollte elektrische oder elektromagnetische Effekte zu stören oder durch andere Geräte gestört zu werden. Da sieht Alt Holz gegenüber Metall klar im Vorteil. Weil heutzutage viele Bauteile zudem elektronische Steuerchips enthalten, kann Holz auch bei dem Thema elektromagnetische Entladung punkten, während bei Metall dafür ein deutlich höheres Risiko besteht.

Obwohl sich die Holzbauweise auch für andere Anwendungen eignet, konzentriert sich „LiGenium“ vorerst auf den Markt für Fördertechnik und Logistik. „Das ist ein riesiger, zukunftsträchtiger Markt“, meint Geschäftsführer Alt. Erste Aufträge für die Automobilindustrie wurden bereits erfolgreich abgeschlossen. Der größte Auftrag kam aus dem Volkswagenkonzern. Für ein Fahrzeugwerk wurden 40 Ladungsträger gefertigt. „Wir wollen expandieren, haben uns aber entschieden, in Chemnitz zu bleiben“, versichert Alt.

Eigentlich war Holz ein tradierter Konstruktionswerkstoff im Maschinenbau. Bis in die 1950er- und 1960er-Jahre wurde viel aus Holz gebaut. Auch im Fahrzeugbau hatte der Naturwerkstoff damals noch einen beträchtlichen Anteil, zum Beispiel bei Aufbauten für Lastkraftwagen. Doch nach und nach wurde Holz durch Kunststoff und Metall verdrängt. Andere Werkstoffe waren maschinell einfach besser handhabbar. Nur im Bootsbau blieben die Vorteile des Werkstoffes Holz so wichtig, dass er bis heute eingesetzt wird. Das Chemnitzer Start-up „LiGenium“ zeigt nun, dass der Einsatz von Holz und Holzwerkstoffen sowohl technisch als auch wirtschaftlich sinnvoll ist und dabei auch noch die Umwelt schont. „Wir sind Maschinenbauer und haben uns eine gewisse Holzkompetenz erarbeitet, um ein neues Produktportfolio mit eigenen Konstruktionsmethoden anzubieten“, erklärt Alt.

Autor: Christoph Ulrich
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