Maßgeschneiderte Implantate, Minilabore fürs Weltall und Chaossimulationen für das autonome Fahren: Diese Ideen haben die Jury am meisten überzeugt.

Berlin Valentine Gesché will „die nächste Generation von Albert Einsteins retten“. Der Satz bringt die Mitglieder der Weconomy-Jury zum Lachen. Aber sie nehmen die Gründerin von PerAGraft absolut ernst. Gerade hat sie ihnen ein durchsichtiges Plastikmodell gezeigt, das Ähnlichkeit mit einer Wurzel hat – eine maßgeschneiderte Blutgefäßprothese. Der einflussreiche Physiker Einstein ist an einem geplatzten Aortenaneurysma gestorben. Die Ingenieurin glaubt, eine Lösung gefunden zu haben, um viele Patienten davor zu bewahren.

„Das ist eine fördernswerte Idee, und wir könnten ihr mit unserem Netzwerk helfen“, sagt Andreas Siebe, Experte für strategische Unternehmensführung in der Auswahlkommission. Denn bei diesem besonderen Start-up-Wettbewerb geht es weniger darum, ob ein Gründer seine Firma zum Mittelständler machen will oder von einer Zukunft als Einhorn mit Milliardenbewertung träumt: Die Veranstalter der Wirtschaftsinitiative Wissensfabrik und des Gründerzentrums UnternehmerTUM der TU München wollen „aus guten Ideen erfolgreiche Unternehmen machen“.

Die Wettbewerbssieger gewinnen Zugang zu Top-Managern von Unternehmen wie Bosch, BASF, Daimler, SAP oder Voith. Zudem bekommen die zehn Gewinner Beratung zu Geschäftsmodellentwicklung und Vertrieb und finden Mentoren im Firmennetzwerk hinter dem Wettbewerb, bei dem das Handelsblatt Kooperationspartner ist. 20 Finalisten aus 119 Bewerbern präsentierten sich dazu am Mittwoch einer Expertenjury.

„Wir sehen in Weconomy die einzigartige Chance, uns mit Experten insbesondere über Markteintritt und Internationalisierungsstrategien auszutauschen und dadurch besser und schneller voranzukommen“, sagt Valentine Gesché. Wobei schnell in ihrem Fall relativ ist: Das Alleinstellungsmerkmal der Aachener Medizintechnik-Firma soll es werden, in fünf Tagen statt acht Wochen individuelle Implantate herzustellen – auf der Basis von Computertomografie-Aufnahmen, einer speziellen Software und einem automatisierten Herstellungsverfahren.

Bis Menschen davon profitieren, wird es aber noch Jahre dauern. „Wir entwickeln ein Medizinprodukt der höchsten Risikostufe, deshalb die lange Vorlaufzeit“, sagt PerAGraft-Chefin Gesché. Einen Meilenstein dazu haben die drei Gründer und Ingenieure mit einem erfolgreichen Tierversuch geschafft.

„Von dieser Art Firmen wird nicht erwartet, einen globalen Markteintritt zu machen, die werden mit Zulassung des Produkts gekauft“, erklärt der ehemalige Chirurg Lukas Günther, heute Partner beim auf Bio- und Medizintechnik spezialisierten Wagniskapitalgeber Sofinnova Partners, den anderen Jurymitgliedern.

Unter den Firmenpartnern des Wettbewerbs dürfte der Ansatz der Aachener vor allem das Medizinbedarfsunternehmen B. Braun interessieren. Immer wieder finden auch die Top-Manager über den Wettbewerb neue Geschäftspartner oder Ideen für ihr Portfolio. So konnte etwa Vorjahressieger Michael Neidhoefer von ZReality seinen „Baukasten für virtuelle Räume“ an einen Teilnehmer vertreiben.

Erstmals richtete sich der Wettbewerb in diesem Jahr ausschließlich an junge Firmen mit mindestens einer Frau im Gründerteam. Der Juryvorsitzende Burkhard Schwenker, Vorsitzender des Beirats bei Roland Berger und Mehrfachaufsichtsrat, nennt sich einen expliziten Befürworter der Frauenquote. Die Vorgabe habe zu einer „interessanten Mischung“ der Bewerber geführt – und sogar zu einem öchststand der Teilnehmerzahl.

Vom essbaren Löffel zum Weltraumlabor

Am Ende überzeugten neben PerAGraft diese Ideen die Jury am meisten:

Michelle Skodowski und ihre Firma BOTfriends helfen Unternehmen, ihre Chatbots zu verbessern. Dazu haben die Würzburger Gründer eine Plattform entwickelt, die die Qualitätskontrolle der automatischen Antworten systematisch erleichtert.

Isabelle Garzorz simuliert bei cogniBIT für Anbieter von Fahrerassistenzsystemen und Firmen auf dem Markt um das autonome Fahren das Verkehrschaos. In sogenannten Agentenmodellen der Ausgründung von der LMU München missachten Verkehrsteilnehmer die Regeln oder machen Fehler beim Spurwechsel.

Mithilfe von Sensordaten, digitalen Zwillingen und selbst entwickelten Algorithmen will Christopher Dörner mit seiner Darmstädter Firma PipePredict künftig Rohrbrüche vermeiden. Das System wird mit Daten trainiert und lernt, vorherzusagen, wann Wasserrohre und Fernwärmeleitungen undicht werden.

(Foto: Wissensfabrik at Spielfeld)

Das Gründerteam von LiGenium um Angela Grimmer will Ladungsträger und Behälter aus Stahl und Aluminium durch den Leichtbauwerkstoff Holz ersetzen. Mit den in Chemnitz entwickelten Holzkonstruktionen soll auf dem Transportweg weniger Treibstoff verbraucht werden und die Logistik nachhaltiger werden.

Um Nachhaltigkeit geht es auch Amelie Vermeer von Spoontainable aus Heidelberg: Zusammen mit ihrer Mitgründerin hat sie einen Eislöffel aus Resten von Kakaohülsen entwickelt. Den kann man essen – muss man aber nicht. Das Material ist eigentlich ein Abfallprodukt in der Lebensmittelherstellung.

Die dreifache Mutter und ubiMaster-Gründerin Jana Krotsch bietet mit ihrer Lernplattform Nachhilfe für Schüler ab der fünften Klasse. Das bayerische Bildungs-Start-up verspricht, dass sich Lehrer binnen zwei Minuten um Fragen kümmern.

Dermanostic sichert ebenfalls Hilfe in rekordverdächtiger Geschwindigkeit zu: Das Düsseldorfer Gesundheits-Start-up von zwei Ärzte-Ehepaaren um Ole Martin untersucht Hautarztpatienten anhand von eingeschickten Fotos und erstellt mittels App eine dermatologische Diagnose samt Therapieempfehlung und Rezept innerhalb von 24 Stunden.

Sabrina Hellstern hilft Chirurgen, die während einer Operation in anstrengenden Körperhaltungen verweilen müssen, die bei vielen Ärzten langfristig zu Muskel- und Skeletterkrankungen führen. Ihre Firma Hellstern medical aus der Nähe von Reutlingen ersetzt dazu Stahlhocker in Operationssälen durch innovative ergonomische Geräte.

Das Start-up Yuri aus Mecklenbeuren ermöglicht Forschung in der Schwerelosigkeit. Forschungsvorhaben im Bereich Pharma und Materialforschung, die in ein zehn Kubikzentimeter großes Mini-Labor passen, werden von Maria Birlem und ihrem Team binnen sechs Monaten mithilfe von Kooperationspartnern auf Parabelflüge, in Raumkapseln und auf die Internationale Raumstation ISS geschickt.

 

Autor: Larissa Holzki
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